headerphoto

Erfahrungsberichte

Seite 1 | 2 | 3

"Der_Traurige" am 24.06.2003 auf www.depri.net:

Ich sitze zuhause, kann mich zu nichts aufraffen. Alle erwarten etwas von mir, wahrscheinlich tun sie das zurecht, bei ihnen stimmen die masstäbe noch, bei mir erscheint alles als wahnsinnige anstrengung. Ich war früher sehr sehr gut in deutsch und konnte mich hervorragend ausdrücken, es machte mir spaß, etwas zu schreiben und etwas zu lesen. Jetzt eben – beim schreiben dieses textes – bemerke ich, dass ich den gedanken keine klare struktur mehr geben kann, bevor ich sie auf papier bringe, das ist erschreckend. Ich werde jetzt aber nicht die anstrengung unternehmen und versuchen, ein konzept in diese gedanken zu bringen, sondern einfach alles niederschreiben, sogar ohne rücksicht auf groß- oder kleinschreibung.

Ich bin akademiker, 30 jahre alt, ein eigentlich attraktiver mann, habe eine liebe (aber fordernde) frau und eine kleine tochter. Wenn man mich sieht, denkt man im leben nicht daran, dass ich depressiv bin, ich werde wahrscheinlich als pessimistisch und traurig beschrieben. Es dauerte sehr sehr lange (wahrscheinlich ca. zwei jahre) bis ich durch einen kleinen artikel auf die krankheit depression aufmerksam wurde. Die symptome, die bei mir alle in schwerem masse vorhanden sind, schleichen sich irgendwie ganz langsam in den alltag ein, man erkennt es nicht. Und selbst wenn man sie erkennt, bringt man sie nicht miteinander in zusammenhang, das ist das verflixte. Und selbst wenn man das noch schafft, dann fehlt einem der sprung zum begriff „depression“. Denn diese krankheit ist leider keine, mit deren symptomen man schon in der kindheit vertraut gemacht wird und daher mit einem geschärften blick durchs leben geht. Halsweh, mandelschmerzen, rheuma etc etc sind landläufig bekannt, jedenfalls die symptome. Bei der depri (ich kürze das ding jetzt zukünftig ab, hat den nebeneffekt, dass ich die krankheit verniedliche und dadurch nicht mehr so groß sehe) ist das anders. Das ist das problem. Insofern kann ich an dieser stelle eigentlich nur jeden beglückwünschen, der es auf diese seite geschafft hat, auch wenn er noch nicht in behandlung ist. Denn wie wir mittlerweile wissen, ist die dunkelziffer dieser erkrankung in der brd sehr hoch, manche schätzungen gehen gar von ca. 10 Millionen betroffenen aus (!!!). ziehe ich jetzt da die kinder ab, dann bleiben von den ca. 86 Millionen Deutschen zwar noch viele "unbetroffene" übrig, aber bei weitem nicht so viel wie man meinen möchte.

Ich weiß nicht, ob ich zu meiner persönlichen situation etwas schreiben soll, ich mache es einfach, einerseits weil mir damit geholfen ist, andererseits weil es vielleicht für irgendjemanden da draussen eine hilfe sein kann und wenn es nur eine(r) ist, dem es nützt.

Was soll ich sagen, wie es mir geht … es ist schwer zu beschreiben, insbesondere einem normalen menschen fast nicht begreiflich zu machen. Derzeit weiss meine frau und mein bruder von meiner krankheit, ihr habe ich es schon länger gesagt und sie hat mir auch dabei geholfen, den bösen geist zu identifizieren. Meinem bruder habe ich es gestern gesagt, es ist schwer zu sagen, wie seine reaktion zu deuten ist. Obwohl ich mehrmals die formulierung gebraucht habe „Du kannst das eigentlich gar nicht verstehen“ hatte ich das gefühl, dass er momentan wirklich keine ahnung hat, was sein humorvoller lustiger aufgedrehter grosser bruder da faselt. Andererseits hatte er wahnsinnig grosses interesse und ich gab ihm alle vier bücher über depri die ich ich selbst gelesen hatte und die mir die augen für mein leiden geöffnet haben.

Wie geht es mir nun?
Ich leide. Damit ist eigentlich alles gesagt und doch viel zu wenig. Ich habe keinen antrieb, weiss überhaupt nicht, wofür und für wen ich noch irgendetwas tun soll. Ich versuche, den geschirrspüler einzuräumen, ein glas (das letzte) passt nicht mehr hinein, ich verzweifle. Wenn ich in dieser minute alleine gewesen wäre, hätte ich mich vor verzweiflung darüber auf den boden sinken lassen und hätte geheult und wäre dort wahrscheinlich solange gesessen bis ich hunger oder durst bekommen hätte. Aber meine frau war in der küche. Ich musste mich zusammenreissen!!! Ich musste irgendwie da raus … ich bemerke übrigens beim schreiben dieses textes, dass ich in letzter zeit immer mehr atemnot habe, das gefühl habe, einen riesengroßen reifen auf meiner brust zu tragen, wie ihn die größten baumaschinen der welt haben. Und der liegt auf meiner brust. Und mit einem tiefen durchatmen kann ich die last nur gfür diesen einen atemzug wegnehmen, danach ist sie sofort wieder da. Ich kann aber nicht jeden atemzug in der tiefe durchführen.

Mich auf etwas zu konzentrieren fällt mir unheimlich schwer, noch schwerer ist es, entscheidungen zu fällen. Fragt mich jemand etwas, sehe ich erstmal nur vor mich hin, sage gar nichts. Das führt dann dazu, dass der gegenüber denkt, ich hätte die frage gar nicht verstanden. Ich ertappe mich dann dabei, dass ich ihn – um zeit zu gewinnen – die frage wiederholen lasse. Augenkontakt meide ich dabei, er würde mich zusätzlich ablenken.

An manchen tagen esse ich bis Nachmittags um drei uhr gar nichts, trinke nur ab und an und auch das zu wenig.

An eine gesunde erholsame nacht die ich durchgeschlafen habe und vor allem, in die ich schnell hineingeschlafen bin, kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Bis ich einschlafe vergehen oft stunden, wache ich nachts auf (jetzt auch wg kleinem kind) kann ich meist nicht mehr oder nur sehr schwer wieder einschlafen. All das habe ich früher in keinen zusammenhang gebracht, wusste nicht, dass es symptome einer krankheit sind.

Ich bin extrem leicht reizbar, flippe wegen jedem sch…. aus und verletze damit v.a .meine frau und meine nächste Umgebung.

Es ist erschreckend feststellen zu müssen, dass es einem so geht!!!!!!!!!!! Die studienkollegen bauen ihre häuser, schmieden ihre zukunftspläne, kommen beruflich voran, bei mir: stillstand. Und zwar nicht, weil ich zu faul, zu blöd oder sonst was bin, sondern weil mich dieser Dämon im Griff hat und ich mich nicht davon befreien kann. Es lähmt dich, es hält dich im würgegriff, lässt dich nicht mehr aus, zeigt dir nur ab und zu das licht, nur damit du danach im dunkeln wieder umso mehr leidest. Die lichtblicke (ein schönes wort) werden jedoch immer seltener, die nacht dauert immer länger.

Es tut verdammt weh, einsehen zu müssen, dass im kopf was nicht mehr stimmt. Wäre ich herzkrank, hätte ich krebs, dann könnte ich sagen: ja, das kommt wahrscheinlich von da und da her. Aber woher kommt dieser Dämon???????? Es gibt für alles eine ursache, aber wo liegt sie hier? Wirken sich die immensen probleme die ich mit meinen eltern, insbesondere mit meinem vater habe, auf meine psyche aus? Ernähre ich mich falsch? Mache ich etwas mit meinem körper falsch oder mit meinem geist? Oder mit beiden? Oh Gott … es ist so schwer ….

Ich wünsche euch allen von ganzem herzen alles alles erdenklich Gute! Ich hoffe, dass ich diese krankheit besiegen kann und ich wünsche das auch euch! Und ich will sie nicht kultivieren, mit ihr leben und alt werden, ich will sie weg haben!!! Ich will sie bekämpfen, will sie vernichten!!! Ich halte nichts davon, diesen Dämon als einen Teil von mir selbst anzusehen und mein weiteres leben mit ihm zu verbringen!!! Er hat in meinem leben nichts verloren, ich habe ihn nicht gerufen, er soll und muss wieder gehen. Versucht mir bitte nicht, was anderes einzureden, ich kann DAMIT nicht leben, nur ohne. Es ist wie bei einem krebsgeschwür, man schneidet es heraus oder was auch immer, aber man vernichtet es. Diejenigen, bei denen das nicht mehr gemacht wird, sind zum tode verurteilt und wissen das. Das will ich nicht.

Ganz liebe grüße in die welt,
Ein am Anfang stehender, der jedoch glücklich ist, dass er schon so weit gekommen ist!

"Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können." (George Elliot)

Seite 1 | 2 | 3

Partnerseiten

Heilpraktiker Lübben

Neuigkeiten

12.01.2011
Das völlig neu überarbeitete Design ist online!

Anzeige