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Erfahrungsberichte

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Nora am 29.07.03 auf www.angstnetz.de:

Hallo Ihr Beiden...
....erstmal ein kleiner Link zur Information über Verhaltenstherapie Smile:
UKE Hamburg
Der Link aus dem Grund, weil auch diese Therapieform für jeden individuell mit dem Therapeuten gemeinsam zugeschnitten wird. Darum erzähle ich auch etwas ausführlicher von mir.

Zu Anfang meiner Thera mußte ich einen ca 40 seitigen Fragebogen ausfüllen. Entwicklungsgeschichte etc. Über alle Bereiche incl. Sexualität.
Meine Thera hat den mit mir zusammen dann durchgearbeitet, damit sie meine Antworten richtig zuordnen konnte. Währendessen wurden bereits "Knackpunkte" deutlich.

Da meine Probs auch aus der Kindheit resultieren, kamen wir immer wieder auf diese Punkte zurück und nach und nach wurden die erlernten Verhaltensmuster, die damals nichts weniger waren als Überlebensregeln (!) offengelegt. Wichtig ist einfach auch, die " innere Mechanik", die Eigendynamik solcher Strategien zu entlarven. Irgendwann haben diese Strategien und Denkmuster ihre Pflicht erfüllt, haben keine Existenzgrundlage mehr. Aber sie sind so tief verankert, daß sie nicht von allein über Bord geworfen werden können. Die Folgen sind unterschiedlich, bei mir war es die Depression über ca. 20 Jahre, schleichend wurde sie schlimmer und schlimmer.
Erst durch diese Aufdeckung kann ich mittlerweile (meistens) frühzeitig STOP sagen, wenn sich alte Muster wieder einschleichen. Aber das funktioniert nicht von heute auf morgen *lächel*.

Meine Haupt-Überlebensregel war: Du wirst nur geliebt, anerkannt, gemocht, respektiert, wenn du Leistung bringst, dich unersetzlich machst, für andere wertvoll bist, nicht "unangenehm" auffällst. Daraus resultierte, daß ich nur für den Beruf lebte, mich übermäßig engagierte, überdurchschnittliche Leistung brachte. Für meine Familie war ich seit meinem 12. Lebensjahr der Familien-Seelenmülleimer. Trotz der Distanz von mehreren hundert km, die ich im laufe der Jahre räumlich instinktiv zwischen mich und meiner Familie gebracht habe. Privates, eigenes Leben? Soziale Kontakte? Was ist das? Ein anderes Resultat ist, daß ich, wenn ich in mir unbekannte Situationen gehen mußte, ich in meinem Kopf Handlungs- und Verlaufsszenarien durchgespielt habe: Was erwartet mein Gegenüber von mir, welche Ziele hat er. Welche Bedürfnisse hat er, wie ist er mir gesonnen, wie reagiert er, wenn ich so oder so agiere.
Was das an Zeit und Platz in meinem Hirn eingenommen hat, kann sich vielleicht der eine oder andere vorstellen Wink.

Das aber ist mittlerweile eine Sache, die mir bei Kontakten auch hilfreich sein kann, besonders, als ich noch z. B. Arbeisablaufanalysen am Arbeitsplatz gemacht habe, mit der Zielsetzung organisatorische Verbesserungen herbeizuführen, die die Mitarbeiter entlasten sollten. Der Unterschied zwischen früher und jetzt ist - ich nutze diese Fähigkeit des Denkens jetzt, sie bestimmt mich und mein Handeln nicht mehr!

Während der Therapie gab es auch heftige Einbrüche, mittlerweile sind das aber keine Depris mehr, behaupte ich mal, sondern Durchhänger, wie sie jeder kennt. Sie gehen vorbei und mein soziales Netz ist soweit aufgebaut, daß ich, weil ich frühzeitig merke was los ist, bestimmte Menschen ansprechen kann. Eine Freundin z. B. kommt dann mit dem Auto vorbei, packt mich ein und wir unternehmen dann etwas, damit ich bloß nicht auf die Idee komme, mich wieder einzuigeln. Aber das Ansprechen will gelernt sein, oh ja *seufz*.

Auch macht es Angst, dieses neue Terrain zu beschreiten, seine eigenen Bedürfnisse (ähm, darf ich die denn eigentlich haben? Und: wie sehen die eigentlich aus???= Therapiethema) anzumelden und zu befriedigen, das eigene Leben zu leben. (Sich was Gutes tun? Sich belohnen? Wieso das denn??? = Therapiethema)
Es gab einen Moment, in dem ich mich fast dafür entschieden hätte, lieber Depressionen zu haben, als diese Angst, diese Unsicherheit weiter zu ertragen. Die Depri kannte ich immerhin.
Aber mein Verstand konnte mir helfen, meine Depression hatte mich immerhin fast um das Leben gebracht, vor dem ich jetzt aus den genannten Gründen Angst hatte. *lächel* Auf diese Angst hatte mich meine Thera vorbereitet. Glücklicherweise *Smile* Alles übt sich.
Was Hänschen nicht lernt...? Quatsch! Hans lernt sehr wohl Wink.

Dann noch einige "praktische" Beispiele
Aufgrund meiner Depression hatte ich unterschiedliche Probleme:

  • ungenügende Arbeitsleistung und daraus resultierende Probleme mit Vorgesetzten
  • finanzielle Probleme, weil ich einfach den Überblick verloren habe und Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlen konnte.

Ja, selbst solche Dinge zu regeln, zu organisieren ist unter "normalen" Umständen nie ein Problem gewesen, während der Depri war ich handlungsunfähig. Was habe ich mich geschämt für solche Sachen.

Überhaupt waren solch organisatorischen Probs nicht zu bewältigen.
Ummelden z. B. ... hatte mich 2 Jahre nicht umgemeldet und dann riesen Angst, dafür eine hohe Strafe zahlen zu müssen, weil das eine Ordnungswiedrigkeit ist. Klar, das schlimmste Szenario war das, was ich erwartete.
Oder neue Steuerkarte ... ging nur mit Druck, Arbeitgeber fackelt da nicht lange und legt zu seiner eigenen Sicherheit den Höchstbetrag als Grundlage an. Tja, einmal konnte ich beim Amt mogeln, beim zweitenmal bekam ich die Steuerkarte nur, wenn ich mich umgemeldet hatte.... *haarerauf* Ich bin an solchen Sachen fast verzweifelt und früher habe ich nur mit weiterem Rückzug reagieren können..

Anhand solcher Mißstände hat meine Thera teilweise gearbeitet, in diesen Bereichen direkte Unterstützung gegeben.
Z. B. erstmal die Räumlichkeiten angucken, also hinfahren zum Amt. Dann sich beobachten, wie ich reagiere und was tatsächlich in meiner Umgebung geschieht. Als ich dann dort war, na ja, fand ich mich unglaublich albern, bin in das entsprechende Zimmer gegangen, hab der Dame dort mein Problem erläutert und auch den Grund (Depri). Habe 5 (also quasi symbolischen Betrag) bezahlt und bekam von ihr ein: "Ich wünsche ihnen alles Gute, in meinem Bekanntenkreis hat auch jemand Depressionen.." mit auf den Weg Smile Übrigens schritt meine Thera gleich ein, als ich sagte, ich wäre mir albern vorgekommen. Sie fand es gar nicht albern, sondern bezeichnend für mich. Auch wenn ich bei passender Gelegenheit zu sagen pflegte: Nora, du bist soooo dämlich!, oder: Nora, du alte Schlampe! (als ich meinen Haushalt überhaupt nicht mehr regeln konnte...). Sie bestätigte mir die hervorragende Fähigkeit, mich selbst fertig zu machen - ups. So hatte ich das nie gesehen. Seien wir doch ein bischen netter zu uns *lächel*. Irgendwann glauben wir das nämlich, was wir selbst so unbedarft über uns sagen....

Meine Thera hatte mir auch angeboten, bei anderen Gelegenheiten entweder für mich oder im Rahmen der Therastunde vom Sprechzimmer aus zu telefonieren. Habe das nie angenommen, meine Aufträge aber dennoch erledigt und dann wahrnehmen können, daß der Kopf hinterher noch dran war, wenn ich das mal so volkstümlich ausdrücken darf *g*.

Andere Punkte waren auch, andere zu kritisieren. Kritikfähig bin ich selbst durchaus, soweit sie sachlich bleibt. Aber andere zu kritisieren war mir unmöglich. Aber das macht viele Situationen auf Dauer untragbar, besonders im Arbeitsbereich. In sozialen Beziehungen sicher auch, aber die gabs ja gar nicht, die hatte ich im Laufe der vielen Jahre ab- und nicht neu aufgebaut.

Dieses Prob konnte ich in einem Rollenspiel näher angucken. Ich mag Rollenspiele eigentlich nicht sehr, aber wenn die/der Thera gut ist, bringt es eine Menge. Ich habe viel dabei über mich erfahren und die Fallen, in die ich immer wähnte zu tappen als unrealistische Konstrukte entlarvt.

Hmmm, was noch *grübel*
Ach ja, die Fragen, warum ich bestimmte Dinge nicht mache, bzw. nicht gemacht habe. Warum ich z. B. bis zu meinem 38. Lebensjahr keinen Partner/Beziehung hatte? Na ja, ich hielt mich für beziehungsunfähig.
Wie knüpfe ich soziale Kontakte? Doch, auch für mich gibt es da Möglichkeiten, wenn ich für vieles auch jede Menge "Ausreden" parat habe, warum etwas nicht geht Wink. Warum gehe ich nicht allein in ein Café? Wirklich nur keine Lust? Sich albern vorkommen, weil alle sehen können, ich bin allein? Oder Angst?

Wie bei Ängstlern gilt es in der VT auch bei Depris darum, in Situationen hineinzugehen und sich zu beobachten. Vor und nach Änderung des Verhaltens. Dann (bei mir jedenfalls) Reflexion der Situation in der Therapie und erkennen, da ist wieder ein altes Muster daß sich lang genug breit gemacht hat.

Uff, ist viel geworden... Vielleicht zuviel und zu unstrukturiert - aber damit müßt ihr klarkommen Wink - Man merke, ich habe gelernt Smile
Wenn Fragen da sind, dann fragt Smile

Herzlichst
Nora

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